03. – 15. Juni 2025
Kirgisistan, das Land der Pferde, Berge, Seen und Jurten. Wir hatten große Pläne und wollten vieles anschauen, haben uns auf kleine Wanderungen in wilder Natur und auf Schwimmen im Lake Yssykköl gefreut. Doch dann kam alles anders.
Aber beginnen wir von vorne. Nachdem wir gegen Ende des Pamir Highways endlich die Grenzüberquerung geschafft haben, landen wir zunächst in einem Schneesturm. Wir fahren ca. 10 Minuten und sind plötzlich raus aus dem Schnee. An der Grenze haben wir einen erfahrenen Reisenden, Aly, mit seinem Toyota getroffen. Er findet unseren ersten Übernachtungsplatz in Kirgisistan auf einer Wiese neben der Straße. Ein paar Männer schauen vorbei, nach kurzer Unterhaltung bestätigen sie, dass wir übernachten dürfen.
Am nächsten Morgen können wir die Landschaft so richtig wahrnehmen. Weite Grasflächen die an hohe schneebedeckte Berge angrenzen. Der Pamir, von dort kamen wir.
Nicht weit von unserem Stellplatz grasen mehrere Pferdeherden. Was für ein Anblick!
Mit der Löwin gehe ich etwas näher ran, um das Treiben zu beobachten. Einige Männer fangen die Fohlen der Herde ein und binden sie an eine lange Kette. Dann werden die erwachsenen Pferde nach und nach eingefangen und wieder freigelassen. Was machen die da und warum? Während wir noch rätseln, hat uns einer der Männer entdeckt und kommt auf uns zu.
Wir erfahren, dass die Pferde zum Melken eingefangen werden. Die Familie hat 2 Pferdeherden mit je 10 Stuten und einem Hengst. Die Fohlen werden tagsüber an der Kette angebunden, damit die Herde in der Nähe bleibt. Am Abend werden sie freigelassen und die Herde zieht in die Steppe. Am nächsten Morgen fahren die Hirten mit Motorrädern los, um die Pferde wieder einzusammeln.







Wir schauen beim Melken zu, bekommen eine Tasse frische Pferdemilch (schmeckt wie warme süßliche Milch) und werden dann zum Kymyz trinken eingeladen! Kymyz ist gegorene Stutenmilch. Frisch schmeckt sie wie flüssiger Joghurt, nach ein paar Tagen entwickelt sie Alkohol. In dem frischen Kymyz schwimmen schwarze Pünktchen. Das ist das Fett, dass sich absetzt. Bei gebratene Teigfladen, Kuymag, sitzen wir zusammen und unterhalten uns über die Pferdezucht. Der Hengst der Herde hat einen GPS-Tracker, damit kann die Herde gefunden werden, doch meistens kennen die Hirten die beliebten Orte der Pferde und finden sie ohne GPS. Pro Pferd muss ca. 1$ „Steppenmiete“ pro Jahr an den Staat bezahlt werden. Im Sommer werden die Pferde 4- bis 5-mal am Tag per Hand gemolken, jedes Mal gibt jede Stute ca. 1 Liter Milch. Der Milchpreis beträgt etwa so viel wie Kuhmilch in Deutschland kostet.
Ich könnte ewig den grasenden Pferden zuschauen. Die Fohlen haben sich zum Schlafen hingelegt, die Männer ziehen schon zum zweiten mal durch die Herde und melken.
Für uns geht es weiter. Wir kurven in unserem Wohnmobil durch die wunderschöne Landschaft, vorbei an Jurten, Pferdeherden, Bergen und Bächen. In Osch sind wir mit Aly verabredet, gemeinsam wollen wir den Markt, einer der größten Märkte Süd-Ost-Asiens, anschauen. In Osch ist es heiß und voll, die Straßen sind eng und voller Menschen. Was für ein Kontrast nach der Ruhe und Kälte des Pamirs!
Wir suchen nach einem Parkplatz und schaffen es uns mit Google so zu verfahren, dass wir auf einmal in einer der kleinen Gassen feststecken! Autos kommen von vorne, Autos stehen hinter uns und wir kommen weder vor noch zurück!









Etwas ratlos stehe ich neben dem Womo und weiß nicht, wo ich Philip hin winken soll, nichts macht Sinn. Ein wenig seitlich nach vorne könnten wir vor einem Geschäft vielleicht wenden? Philip fährt vor, es geht vor dem Geschäft steil hoch, die Räder drehen durch und jetzt stehen wir quer auf der Straße und blockieren sie somit endgültig. Hinter uns parkt ein Auto, zurück geht also nicht, vor uns ist es zu steil. Die Menschen steigen aus den anderen Autos, kommen aus den umliegenden Häusern und staunen über das Wohnmobil, dass da alles blockiert. Glücklicherweise ist niemand all zu ärgerlich. Es wird sofort angepackt. Einer ruft den Halter des parkenden Autos an, es wird an Lucas geschoben, jeder winkt in irgendeine Richtung. Nachdem Philip noch die Reifen abgelassen hat, schaffen wir es endlich zu wenden. Jetzt müssen nur noch alle anderen Autos rückwärts aus der Gasse fahren, um uns rauszulassen. Auch das lassen die Autofahrer geduldig über sich ergehen. Uns ist das alles doch eher ziemlich peinlich. Zumal zu Beginn der Gasse ein Schild steht „LKW verboten“ aber wir sind doch kein LKW…?
Endlich finden wir einen Parkplatz und treffen Aly auf dem wuseligen Markt. Gemeinsam lassen wir das bunte Treiben auf uns wirken und gehen dann Essen.
Es zieht uns raus aus der Stadt. Zu warm, zu viele Menschen, zu eng ist es uns hier! Wir freuen uns wieder auf die Berge und Pferde!
Wir sind glücklich hier! Überlegen, ob wir eine der Familien in einer Jurte ansprechen können, um ein paar Tage mit ihnen zu verbringen. Das Leben mit den Pferden und der Natur lockt uns ungemein! Doch dann, wir rollen gerade einen der vielen Berge herunter, mit ordentlich Motorbremse, natürlich. Da hören wir ein furchtbares Geräusch, der Motor geht aus. Philip bremst ab und rollt in einer Kurve noch gerade an den Straßenrand. Das klang überhaupt nicht gut! Philip schaut in den Motorraum und ahnt schlimmes. Der Zahnriemen hängt locker und ist nicht mehr gespannt. Was ist da passiert? Wir haben den Zahnriemen in Duschanbe, extra vor dem Pamir Highway austauschen lassen. In einer Werkstatt, die von vielen anderen Reisenden wärmstens empfohlen wurde!







Wir haben keinen Handyempfang, die wenigen Autos, die vorbeikommen, halten nicht an. Endlich hält ein Wagen und verspricht, einen Abschlepper für uns zu rufen, sobald sie wieder Handyempfang haben.
Daraufhin halten auch andere Autofahrer, sie packen sofort ihr Bordwerkzeug aus und wollen alles reparieren. Philip schaut zweifelnd. Er vermutet einen Motortotalschaden!
Nach kurzer Zeit tauchen auch die helfenden Männer ratlos aus dem Motorraum wieder auf, die Hände voller Rädchen und Schräubchen. Die Rolle, auf der der Zahnriemen läuft, war nicht richtig festgeschraubt und hat sich nun gelöst. Ein Fehler der Werkstatt!
In Deutschland wäre das das Aus für unser Wohnmobil! Doch hier versichern uns die Männer, dass die Werkstatt im Nachbarort das bestimmt richten kann!
Der Abschlepper kommt und ist nicht mal so groß wie Lucas. Da passt doch unser Womo niemals rauf! Die beiden Männer schauen auch zweifelnd, wollen es aber probieren.
Lucas Räder stehen auf beiden Seiten über den Wagen hinaus, die Heckschürze schleift beinahe auf der Straße, aber das geht schon, sagen die beiden vom Abschlepper. Wir fahren im Womo mit und würden den Kindern zusätzlich zu den Anschnallgurten gerne noch Helme aufsetzen, sosehr schwankt das Wohnmobil auf dem Abschlepper.
Im Schneckentempo (für das wir dem Fahrer sehr dankbar sind!) fahren wir ca. eine Stunde bis zur Werkstatt. Die Mechaniker brüten über dem Motor. Wir sind sehr besorgt. Es ist der 06. Juni, in 10 Tagen müssen wir an der chinesischen Grenze stehen, die Tour durch China ist gebucht und bezahlt, das Datum ist fix. Dazwischen liegen noch 900 Kilometer und die Grenze nach Kasachstan!
Ja, dann werden sie sich wohl beeilen müssen, meint der gute Mechaniker. Wird er wohl hinbekommen. Wirklich?! Wir können das kaum glauben! Und was wird das dann kosten?






Zuerst muss der Motor ausgebaut werden, um zu sehen, was denn alles beschädigt wurde. Die Männer gehen sofort ans Werk und arbeiten bis um 3 Uhr nachts! Weiß ich genau, denn während mit viel hämmern, klopfen und Musik am Auto geschraubt wurde konnte ich innen nicht so recht schlafen – den Rest der Familie hats glücklicherweise nicht so sehr gestört.
Am nächsten Morgen um 7 klopft der Werkstattleiter wieder an unserer Tür, er muss losfahren, nach Almaty in Kasachstan, unsere Ersatzteile suchen. Wir brauchen einen komplett neuen Zylinderkopf! Ausbau, Ersatzteile, Einbau, 1000€ sagt er. Wir geben die Freigabe und er saust los, persönlich die knapp 600 km bis Almaty im Nachbarland, um alles zu besorgen! Wow! Was für ein Service!
Zwei Nächte warten wir auf seine Rückkehr, langweilen uns in dem winzigen Ort, streiten eine ganze Menge über die blöde Situation in der Werkstatt übernachten zu müssen und die schöne Zeit in Kirgisistan so ganz anders verbringen zu müssen als geplant. Wir essen in jeder Restauration des Ortes, finden eine Stelle im Fluss zum baden und spielen Carcassonne. Wir bangen, ob das Auto rechtzeitig wieder fahren wird. Der Organisation, die unsere Tour durch China organisiert, haben wir geschrieben, dass wir nicht wissen, ob wir es rechtzeitig schaffen werden. Wenn wir es nicht schaffen, kann eventuell die gesamte Gruppe (8 Fahrzeuge) nicht fahren, denn wir sind das einzige Auto mit einem freien Sitzplatz für den obligatorischen Guide!
Dann endlich geht das Gehämmere und Geschraube am Auto weiter. Najr ist mit einem neuen gebrauchten Zylinderkopf aus Kasachstan zurückgekehrt!







Und tatsächlich, nach 5 Tagen in der Werkstatt schnurrt auf einmal unser Motor wieder! Ich habe mich selten so über etwas gefreut! Und es kommt noch besser: Auf einmal biegt da ein wohlbekannter grüner MAN um die Kurve und hält neben uns – Kasia und Mikkel!
Die Freude ist groß, hätten wir doch nicht gedacht, dass wir die beiden auf unserer Reise noch einmal treffen!
Sie erzählen von ihrer Tour über den Pamir und davon, dass sie selbst auf dem Weg nach Almaty und auf der Suche nach einer Werkstatt sind, da sie aktuell nur noch mit 60 km/h im Notprogramm unterwegs sind, und das schon seit ca 1000 km!
Unser Mechaniker Najr schickt uns auf eine Testfahrt mit dem „neuen“ Motor. Erst dann dürfen wir bezahlen. Überglücklich verabschieden wir uns. In Almaty heißt es dann das Womo für China fit machen: Auf dem Autoteilemarkt finden wir den passenden Keilriemen, der schon so lange quietscht, Außerdem funktioniert unsere Hupe nicht mehr und neue Reifen brauchen wir ja auch noch. Mit den Alten sind wir dann auch nicht ganz bis Almaty gekommen. Kurz vor der Stadt höre ich ein komisches Geräusch. Eine Art Platzen. Philip meint „Ne, ne, das war der LKW, der gerade an uns vorbei ist!“ Ich meine „Nein! Halt sofort an, das waren wir!“ Und siehe da, der Reifen, der auf dem Abschlepper so in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist aufgerissen! Wir packen das Ersatzrad aus, das Rad, dass wir auf dem Pamir abgebaut hatten, weil es zu kaputtgefahren ist! Ganz langsam und vorsichtig schaffen wir es mit dem alten Rad bis zum Reifenverkauf. Puh, große Erleichterung, als wir endlich 5 neue Räder haben!





Nicht nur Womo Lucas braucht neue Schuhe, auch die Kinder! Die haben beide zwei Schuhe verloren! Ich kann es immer noch nicht fassen! Wie bitte verliert man seine Schuhe?! Einer der Löwin ist auf einem Rastplatz unbemerkt aus dem Auto gefallen, den zweiten hat sie in Tadschikistan im Fluss verloren! Der Panda hat am nächsten See in Tadschikistan gleich zwei Schuhe verloren! Seitdem hat er nur noch dicke Wanderschuhe und die Löwin läuft mit zwei verschiedenen Schuhen oder Barfuß. Sehr zum Unglauben ALLER Menschen denen wir begegnen! Auf dem Pamir Highway wurde ihr sogar ein paar Schuhe geschenkt, allerdings passt das geschenkte Paar weder dem Panda noch der Löwin.
In Almaty haben wir Glück und finden nach langem Suchen nicht nur Sandalen für Panda und Löwin, sondern auch Philip findet ein neues Paar!
So perfekt ausgestattet und rundum erneuert kann es endlich los gehen, auf ins nächste Abenteuer und durch China!
Krigisistan steht nun ganz oben auf unserer Liste der Länder, die wir nach unserer Weltreise noch einmal besuchen möchten, die tollen Seen, eine Übernachtung in einer Jurte, Pferde, Pferde, Pferde! Das wollen wir unbedingt irgendwann nachholen!
Wenn ihr auch mal Kirgisistan erkunden möchtet, kommt undbedingt im Sommer. Die Kinder haben von Juni bis August drei Monate Sommerferien. Diese werden von den Familien genutzt um Jurte, Kinder und Pferde einzupacken und in die Berge zu ziehen. Nur im Sommer sieht man all die Jurten Camps in den Bergen. Nach den Sommerferien geht es zurück in die Stadt.